Weltklasse ohne Lautsprecher
Machen wir es kurz: Kühn, Breuer, Weil. Die absolute Spitze im Rheingau - und zwar mit so deutlichem Abstand, dass es darunter erstmal dünn wird. Und trotzdem müssen wir den Betrieb immer wieder erklären. Warum eigentlich?
Vielleicht, weil PJ Kühn nie den lauten Weg gegangen ist. Seit rund 230 Jahren sitzt die Familie in Oestrich-Winkel - und als Anfang der 2000er der Umbau auf Biodynamie kam, hielt man das im Rheingau erstmal für eine Schnapsidee. Kuhhörner vergraben, Bio-Präparate anrühren, Demeter-Zertifizierung - in einer Region, die damals lieber von alter Größe erzählte, als neue zu schaffen. Die ersten biodynamischen Jahrgänge polarisierten, manche Kritiker stiegen komplett aus. Kühn hat es trotzdem durchgezogen. Kompromisslos, gegen jede Konvention, über Jahre. Heute weiß man: Das war keine Schnapsidee, das war Pionierarbeit. 2016 kürte der Gault Millau Peter Jakob Kühn zum Winzer des Jahres, und die Weine gehören für uns - ganz unironisch - zu den besten Rieslingen der Welt.
Dass sie trotzdem unter dem Radar fliegen, hat einen einfachen Grund: Kühn-Weine schreien nicht. Handlese, Spontangärung, lange Reife im großen Holzfass - die Weine brauchen Luft und Zeit, und sie werden bewusst später released, damit sie fertig sind, wenn sie zu euch kommen. Das ist das Gegenteil von Primärfrucht-Feuerwerk, das in der ersten Sekunde blendet und in der dritten langweilt. Wer einmal verstanden hat, was da im Glas passiert, kommt nicht mehr davon los. Und zahlt für dieses Niveau immer noch deutlich weniger als bei den Namen, über die alle reden.
Zwei Weine zeigen das gerade besonders eindrucksvoll - beide aus 2021, diesem kühlen, rassigen Jahrgang, der wie gemacht ist für den Kühn-Stil.
Der Oestricher Klosterberg 1G 2021 kommt aus einer historischen Lage, die einst zum Kloster Gottesthal gehörte - kalkhaltiger Löss, Tonmergel, Quarzkiesel, ein ehemaliger Urstrand des Rheins. Der Wein ist feingliedrig und spannungsgeladen: kalkig-kühle Nase, Grapefruit, Limette, Bergamotte, am Gaumen präzise, salzig, mit belebender Säure und richtig Zug. Erste Lage auf einem Niveau, für das andere Betriebe GG draufschreiben. Für 36 Euro ehrlicherweise fast unverschämt und verpflichtend zum Kauf.
Der Doosberg GG 2021 ist dann das volle Statement. Die Paradelage des Hauses. Eine exponierte, windige Kuppe über Oestrich, Meeressand durchzogen von Taunusquarz. 16 Monate im Stück- und Doppelstückfass gereift, spontan vergoren, tief, würzig, mit dieser typischen Kühn-Textur, die sich mit jeder Minute im Glas weiter aufschichtet. Das ist kein Wein für nebenbei - das ist einer, der die Fähigkeit hat, einen Abend zu definieren. Ein Wein, über den ihr im Nachgang vielzählige Male sprechen werdet. Gebt ihm eine Karaffe und etwas Geduld, er zahlt alles zurück.
Ein Betrieb, der seiner Zeit zwanzig Jahre voraus war und teilweise immer noch ist. Wer die Spitze des Rheingaus verstehen will, fängt genau hier an.
