Alles auf den Kopf gestellt
Wir hätten den Artikel gerne "Vincent Lagille - oder wie man 200 Jahre Familientradition vor die Wand fährt und damit alles richtig macht" genannt, doch das war uns zu lang. Außerdem vielleicht auch etwas überspitzt, auch wenn rein faktisch eine gewisse Wahrheit darin liegt. Nennen wir es vielleicht besser "weiterentwickelt" und nicht "vor die Wand fährt".
Wir befinden uns in Treslon, irgendwo westlich von Reims. Genau da, wo das Vallée de l'Ardre anfängt uninteressant zu werden - zumindest auf dem Papier. Kein Grand Cru, kein klingender Name, keine große Geschichte. Die Montagne de Reims mit ihren berühmten Dörfern liegt weiter östlich, die Côte des Blancs noch weiter weg. Treslon ist da, wo die Champagne aufhört, sich selbst zu feiern. Und genau deshalb lohnt sich der Blick dorthin.
Der Boden hier ist kein Champagner-Lehrbuch-Boden. Kein karger Kreidefels, kein Blanc-de-Blancs-Fundament, sondern Tuffeau, im Deutschen Tuffstein. Eine poröse, sandreiche Form des Kalkgesteins, die man eigentlich aus dem Loire-Tal kennt, nicht aus der Champagne. Wasser verschwindet schnell, die Reben bekommen nichts geschenkt und die tonhaltigen Deckschichten sorgen für eine Mineralität, die sich von allem unterscheidet, was weiter östlich wächst. Eigenwillig, erdig, tief. Kurz: nicht das, was man erwartet - und deshalb unglaublich interessant.
Seit dem 17. Jahrhundert baut die Familie Lagille in dieser Gegend Wein an. Seit 1818 in Treslon. Was das bedeutet, kann man sich ungefähr so vorstellen: Während draußen Revolutionen stattfanden, Imperien kamen und gingen und die Welt sich mehrfach neu erfand, haben die Lagilles Trauben gelesen und Champagner gemacht. Ausschließlich für Privatkunden. Kein Export, kein B2B, kein gar nichts. Wer den Wein wollte, kam nach Treslon. Alle anderen hatten Pech. Dann kam Vincent.
Vincent Lagille ist nicht der Typ, der mit einem MBA unterm Arm und einem Rebranding-Konzept in den Familienbetrieb eingestiegen ist. Er hat 2017 übernommen und erstmal Fehler gemacht. Nach eigener Aussage reichlich viele. Die Antworten auf seine Fehler hat er sich durch nahezu autistische Beobachtung seiner Weinberge selbst erarbeitet. Der eigentliche Wendepunkt war eine Bodenfortbildung, nach der es bei ihm "Klick gemacht hat." Man kann sicherlich über die Geschichte schmunzeln. Doch die Weine, die seitdem entstehen, muss man unbedingt ernst nehmen. Denn diese sprechen für sich.
Sein Ansatz ist radikal unspektakulär: 7,2 Hektar, fast alles fußläufig vom Weingut. Er geht raus, probiert und entscheidet wann gelesen wird - keine Zahlen, kein Labor. Im Weinberg laufen Pferde, Schafe und Hühner. Fledermauskästen gegen Schädlinge. In biologischer Umstellung seit 2019, nicht weil es sich gut im Newsletter macht (ehrlicherweise wissen wir gar nicht ob er einen verschickt), sondern weil Vincent der Meinung ist, dass Terroir-Ausdruck ohne funktionierendes Ökosystem schlicht nicht funktioniert. Im Keller: Spontangärung, alte Barriques, keine Filtration, keine Chaptalisierung. So wenig Eingriff wie möglich.
Und die Barriques? Werden aus Eichen der eigenen Familienländereien gefertigt. Vincent denkt seine Auffassung des Terroir-Begriffs konsequent bis ins Holz - Boden, Mikroklima, Reben, Winzer, Fass. Alles aus Treslon. Alles miteinander verbunden. Das klingt nach Konzept, ist für Vincent aber einfach der Standard. Übrigens erzieht er alle seine Reben im Cordon-Royat-Stil, eine Erziehungsform, die man normalerweise ausschließlich in Grand-Cru-Lagen findet.
Wir haben Vincent im Februar in Paris kennengelernt. Verschlossen, zurückhaltend, nicht der geborene Selbstvermarkter. Genau die Art Mensch, hinter deren Weinen häufig am meisten steckt. Ihr wisst ja wie das mit denen ist, die immer am lautesten schreien.
Laut sind übrigens auch die Champagner von Vincent nicht. Der rote Faden in seinem Portfolio ist eine enorme Präzision und Feingliedrigkeit. Im Einstieg mit niedriger Dosage, bei den Lagen-Champagnern komplett ohne. Wir haben hier durch die Bank weg Schaumweine mit Spannung, Länge, Mineralität und einer hauchzarten Erdigkeit. Die Lagenweine sind nochmal karger und präziser.
Zum Start wird es zwei Basis-Champagner, die ganz neue Lagen-Cuvée "Ardys" sowie zwei Lagen-Champagner geben. Einen dritten Lagen-Champagner, von dem die Menge leider homöopathisch ist, haben wir exklusiv für die Abonnenten unseres Wein-Abos nach Deutschland geholt.