Die letzte Bastion der Eigenständigkeit
Efringen-Kirchen. Der Name klingt erstmal gar nicht nach Wein - und schon gar nicht nach Großem. Er klingt nach Spargelfeldern, nach Bauernhöfen und nach dem etwas vergessenen Zipfel Deutschlands zwischen dem Schwarzwald und dem Rhein, direkt an der Schweizer Grenze, mit einem Bein schon fast im Elsass. Genau hier, auf dem letzten Ausläufer des Schwarzwaldes über dem Oberrheintal, liegt das Weingut von Hanspeter Ziereisen. Und genau das ist der Punkt: Die geografische Eigenständigkeit dieses Ortes ist kein Zufall, sondern ausgewählt.
Hanspeter Ziereisen ist gelernter Zimmermann. Er wollte den Hof seiner Eltern nicht übernehmen. Dann fuhr er ins Burgund, trank Pinot Noir, sah Kalksteinböden – und erkannte, dass er zu Hause auf genau demselben Untergrund steht. Was folgte, war kein sanfter Einstieg in den Weinbau, sondern ein klares, unmissverständliches Bekenntnis. Spontane Gärung, naturnah im Weinberg, konsequente Handarbeit, langer Ausbau in handgefertigten Fässern des letzten deutschen Handwerksfassmachers Andreas Assmann, kein Eingriff, wo keiner nötig ist, ungeschönt und überwiegend unfiltriert auf die Flasche. Keine Chaptalisierung.
Und dann kam 2006 die Entscheidung, die alles ins Rollen bringt: Ziereisen meldet seine Weine zur AP-Prüfung an – und scheitert mit Pauken und Trompeten. Nicht weil die Weine schlecht sind, sondern weil sie zu eigenständig sind. Zu wenig der Norm entsprechen. Zu sehr sie selbst. Aber die AP-Prüfstellen müssen sowieso mal einiges überdenken.
Seine Antwort: alle Weine werden ab sofort als Landwein vermarktet. Kein Qualitätswein, kein GG, kein offizielles Gütesiegel. Das ist keine Kapitulation, das ist Konsequenz. Aufgrund der fehlenden Amtlichen Prüfnummer darf er zwar die Lagennamen nicht draufschreiben, doch die unklassifizierten Lagen mit den merkwürdig klingenden Namen wie Talrein, Gestad oder Musbrugger sagen sowieso niemandem etwas und finden auch beim VDP keine Beachtung. Gault&Millau vergibt ihm übrigens wenig später die Höchstpunktzahl für einen Gutedel – dem ersten überhaupt in der Geschichte des Magazins. Weltklasse ohne amtlichen Stempel. Eine Legende wurde geboren. Apropo 100-Punkte-Gutedel:
Der Jaspis 10hoch4 Gutedel Alte Reben ist genau dieser Wein. Gutedel ist die Rebsorte des Markgräflerlandes, eigentlich bekannt für frische, unkomplizierte Sommerweine. Was Hanspeter daraus macht, hat mit dieser Wahrnehmung nichts mehr zu tun. Jahrzehntealte Reben, Jurakalkstein, spontane Gärung, bis zu 24 Monate auf der Hefe. Das Ergebnis: ein Weißwein mit kargem Kalkcharakter, salziger Mineralität, feiner Reduktion und einer Tiefe, die man von dieser Rebsorte schlicht nicht kennt. Und das bei schlanken 10,5 % Alkohol. Zugegeben, dieses Bollwerk von Wein hat auch seinen Preis, es ist nunmal aber auch der Beste seiner Zunft.
Der TAL Spätburgunder (Talrein) kommt von der höchstgelegenen Lage des Weinguts, 500 Meter über dem Meeresspiegel, reiner Kalkstein mit Lehmauflage und hohem Eisengehalt – Vosne-Romanée-Terroir wäre es in Frankreich. Großer Pinot braucht Eisen! Vergoren in einem offenen Holzgärständer aus dem 19. Jahrhundert, den Ziereisen einst von Rhône-Legende Pierre Gonon übernahm. Der TAL ist kühl, präzise, mit einer tänzelnden Eleganz, feiner Pfefferwürze, Eisenmineral und seidigen Tanninen. Schlank und trotzdem tief. Burgundisch gedacht, Hanspeter-mäßig interpretiert.
Und dann ist da noch der GE Syrah (Gestad) – das vielleicht provokanteste Statement des Hauses. Syrah aus Deutschland. Nicht als Experiment, nicht als Kuriosum, sondern auf internationalem Spitzenniveau. Acht Wochen auf der Maische, 22 Monate Ausbau im Barrique, selbstverständlich unfiltriert. In der Nase tiefschwarz, mit klarem Ausdruck: Cassis, Brombeere, Pfeffer, ein Hauch von etwas Animalischem. Am Gaumen frisch, salzig, rassig und einem Zug, der nie nachlässt. Zwischen Saint-Joseph und Crozes-Hermitage – nur eben aus Baden.